Der deutsche Pater Brown
Schirm, Soutane, Schalk
Heinz Rühmann (1902–1994) prägte das deutsche Bild des Pater Brown wie kein anderer: In den Kinofilmen „Das schwarze Schaf“ (1960) und „Er kann’s nicht lassen“ (1962) spielte er den listigen Priester nach den Erzählungen von G.K. Chesterton — mit Schirm, Soutane und der berühmten Filmmusik von Martin Böttcher. Beide Filme gehören bis heute zum festen Feiertagsprogramm des deutschen Fernsehens.
Wer über Rühmann schreibt, schreibt allerdings auch über die Schattenseiten einer deutschen Jahrhundertkarriere: über den populärsten Schauspieler des NS-Kinos, der sich mit dem Regime arrangierte. Diese Seite dokumentiert beides — die Pater-Brown-Filme im Detail und die Biografie ohne Auslassungen.
Biografie
Leben und Karriere
Heinrich Wilhelm „Heinz“ Rühmann wurde am 7. März 1902 in Essen geboren. Nach ersten Bühnenjahren in München gelang ihm 1930 mit der Tonfilmoperette „Die Drei von der Tankstelle“ an der Seite von Willy Fritsch und Oskar Karlweis der Durchbruch. In den folgenden Jahrzehnten wurde er zum vielleicht populärsten deutschen Schauspieler des 20. Jahrhunderts: der kleine Mann, der sich mit Witz und Beharrlichkeit durchschlägt.
Zu seinen bekanntesten Filmen zählen „Die Feuerzangenbowle“ (1944), „Der Hauptmann von Köpenick“ (1956) nach Carl Zuckmayer — der Film erhielt eine Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film —, die Dürrenmatt-Verfilmung „Es geschah am hellichten Tag“ (1958), „Der brave Soldat Schwejk“ (1960) und „Maigret und sein größter Fall“ (1966), in dem Rühmann nach Pater Brown gleich den nächsten legendären Ermittler der Kriminalliteratur verkörperte. Aus „Wenn der Vater mit dem Sohne“ (1955) stammt das von ihm gesungene Schlaflied „La-Le-Lu“, das bis heute zum deutschen Liedgut gehört.
Seinen letzten Kinoauftritt hatte Rühmann 1993 — mit 91 Jahren — in Wim Wenders’ „In weiter Ferne, so nah!“. Er starb am 3. Oktober 1994 in seinem Haus in Aufkirchen am Starnberger See.
Die Filme
Zwei Klassiker, ein Namensvetter
„Das schwarze Schaf“ (1960)
Der erste deutsche Pater-Brown-Film ist eine schwarzweiße Kriminalkomödie nach Motiven der Chesterton-Erzählungen. Regie führte der Österreicher Helmuth Ashley, das Drehbuch verlegte die Handlung nach Irland: Pater Brown ermittelt dort als Dorfgeistlicher, dessen kriminalistischer Eifer seine Vorgesetzten zur Verzweiflung treibt — das „schwarze Schaf“ der Diözese eben.
An Rühmanns Seite spielten unter anderem Karl Schönböck, Maria Sebaldt, Siegfried Lowitz, Lina Carstens und Fritz Rasp. Gedreht wurde teils an Originalschauplätzen in Irland, teils in München. Die Musik von Martin Böttcher wurde zum akustischen Markenzeichen der deutschen Pater-Brown-Tradition — Jahrzehnte später zitierte Böttcher sie in der ARD-Reihe „Pfarrer Braun“ selbst. Für Rühmann wurde der Film einer der größten Erfolge seiner Nachkriegskarriere und zog zwei Jahre später eine Fortsetzung nach sich.
„Er kann’s nicht lassen“ (1962)
Die Fortsetzung entstand unter der Regie von Axel von Ambesser — wieder mit Rühmann als irischem Geistlichen, wieder mit Böttcher-Musik. Der Titel wurde zum geflügelten Wort für die Figur: Ein Priester, der das Kriminalisieren einfach nicht lassen kann, selbst wenn ihm die Strafversetzung droht. Eine Pointe des Films — die angedrohte Versetzung in das ferne „Urundi“ — zitierte die ARD-Reihe „Pfarrer Braun“ Jahrzehnte später als augenzwinkernde Hommage. In einer Nebenrolle ist übrigens Horst Tappert zu sehen, der gut zehn Jahre später als „Derrick“ selbst zur deutschen Krimi-Institution wurde.
„Die Abenteuer des Kardinal Braun“ (1968)
Häufig wird ein dritter Film zur Reihe gezählt — zu Unrecht: „Die Abenteuer des Kardinal Braun“ (Originaltitel „Operazione San Pietro“, 1967/68) ist eine italienisch-französisch-deutsche Komödie von Lucio Fulci, in der Rühmann einen Kardinal spielt. Mit Chestertons Figur hat der Film inhaltlich nichts zu tun; der deutsche Verleih stellte die Nähe zu den Pater-Brown-Erfolgen vor allem im Marketing her.
Die richtige Reihenfolge: Zuerst „Das schwarze Schaf“ (1960), dann „Er kann’s nicht lassen“ (1962). Beide erzählen abgeschlossene Fälle — sie laufen regelmäßig im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, traditionell an Feiertagen, und sind auf DVD sowie bei Streaming-Anbietern verfügbar.
Einordnung
Rühmann im Nationalsozialismus
Zu einem vollständigen Bild Heinz Rühmanns gehört seine Rolle in den Jahren 1933 bis 1945 — ein Kapitel, das die Forschung bis heute beschäftigt und das diese Seite bewusst nicht ausspart.
Karriere im NS-Staat
Rühmann war beim Machtantritt der Nationalsozialisten bereits ein Star — und er blieb es: In keiner Phase seines Lebens drehte er mehr Filme als zwischen 1933 und 1945, insgesamt rund 37 Produktionen, bei vier Filmen führte er zudem Regie. 1940 wurde er zum „Staatsschauspieler“ ernannt. Öffentlich äußerte er sich weder für noch gegen das Regime; politisch exponierte er sich nicht. Genau diese demonstrative Unpolitischkeit war es, die seine Karriere im System erst möglich machte.
Die Scheidung von Maria Bernheim
1924 hatte Rühmann die Schauspielerin Maria Bernheim geheiratet, die nach den Nürnberger Gesetzen als Jüdin galt. Unter dem politischen Druck des Regimes — überliefert ist eine persönliche Intervention von Propagandaminister Joseph Goebbels — ließ sich das Paar 1938 scheiden. Die Ehe galt zu diesem Zeitpunkt als zerrüttet, die Trennung erfolgte im Einvernehmen; Bernheim emigrierte nach Schweden und überlebte den Holocaust. Rühmann unterstützte seine frühere Frau auch nach der Emigration finanziell. 1939 heiratete er die Schauspielerin Hertha Feiler.
Unterhaltung im Dienst des Systems
Rühmann drehte keine offenen Hetzfilme. Doch Komödien wie „Quax, der Bruchpilot“ (1941) oder „Die Feuerzangenbowle“ (1944) — gedreht mitten im Krieg — erfüllten eine Funktion im NS-Kulturbetrieb: Sie sollten die Bevölkerung ablenken und bei Laune halten. Die Filmgeschichtsschreibung beschreibt Rühmann deshalb überwiegend als Karrieristen und Opportunisten, der vom System profitierte, ohne dessen Aktivist zu sein — eine Einordnung, die keine Entlastung bedeutet, sondern die Verantwortung des Mitmachens benennt.
Der Umgang nach 1945
Nach Kriegsende geriet Rühmanns Karriere zunächst ins Stocken; das Publikum kehrte erst in den 1950er Jahren in großer Zahl zu ihm zurück. Zu seiner Rolle im „Dritten Reich“ äußerte er sich zeitlebens zurückhaltend, auch in seiner Autobiografie „Das war’s“ (1982). Die kritische Aufarbeitung leisteten vor allem Biografen und zeithistorische Institutionen — etwa das Lebendige Museum Online (LeMO) des Deutschen Historischen Museums, dessen Rühmann-Biografie die hier zusammengefassten Fakten dokumentiert.
Nachkriegsjahre
Die zweite Karriere
Die zweite Karriere Rühmanns begann Mitte der 1950er Jahre und veränderte sein Rollenfach: Aus dem Komödianten wurde ein Charakterdarsteller. „Der Hauptmann von Köpenick“ (1956) zeigte ihn als tragikomischen Schuster Wilhelm Voigt, „Es geschah am hellichten Tag“ (1958) als Ermittler in einem der düstersten deutschen Kriminalfilme seiner Zeit. In diese Phase fallen auch die beiden Pater-Brown-Filme — und mit „Maigret und sein größter Fall“ (1966) ein weiterer literarischer Detektiv.
Chestertons Pater Brown ist im Original ein englischer Priester — doch im deutschsprachigen Raum trägt die Figur seit 1960 Rühmanns Gesicht. Sein Brown ist verschmitzter und komödiantischer als die literarische Vorlage, und genau diese Lesart wurde stilbildend: Die TV-Serie mit Josef Meinrad kehrte in den 1960ern zur Werktreue zurück, die ARD-Reihe „Pfarrer Braun“ übernahm Rühmanns humoristische Linie samt Böttcher-Melodie, und auch die BBC-Serie mit Mark Williams lebt von der Balance aus Witz und Tiefgang, die Rühmann dem deutschen Publikum vertraut gemacht hat.
Sie lieben die Rühmann-Klassiker? Dann erleben Sie Chestertons Original-Fälle heute live: das Pater Brown Live-Hörspiel mit Antoine Monot in der Titelrolle und Wanja Mues als Erzähler — alle Termine und Tickets. Eine Übersicht aller Darsteller von 1934 bis heute finden Sie auf der Seite „Alle Pater-Brown-Darsteller“.
Diese Seite ist eine redaktionelle Zusammenstellung von paterbrown.com. Biografische Angaben folgen öffentlich zugänglichen, verlässlichen Quellen, insbesondere der Rühmann-Biografie des Lebendigen Museums Online (LeMO, Deutsches Historisches Museum) sowie etablierten Filmdatenbanken und Produktionsangaben. Das Kapitel zur NS-Zeit referiert den Stand der zeithistorischen Einordnung, ohne zu werten oder zu relativieren. paterbrown.com steht in keiner Verbindung zu den Rechteinhabern der genannten Filme.
FAQ
Häufige Fragen
In welchen Filmen spielte Heinz Rühmann Pater Brown?
Heinz Rühmann spielte Pater Brown in zwei Kinofilmen: „Das schwarze Schaf“ (1960, Regie: Helmuth Ashley) und „Er kann’s nicht lassen“ (1962, Regie: Axel von Ambesser). Die Komödie „Die Abenteuer des Kardinal Braun“ (1968) knüpfte nur im Titel daran an und basiert nicht auf Chesterton.
In welcher Reihenfolge schaut man die Pater-Brown-Filme mit Heinz Rühmann?
Zuerst „Das schwarze Schaf“ (1960), danach „Er kann’s nicht lassen“ (1962). Beide Filme erzählen abgeschlossene Fälle und sind auch einzeln verständlich.
Woran ist Heinz Rühmann gestorben?
Heinz Rühmann starb am 3. Oktober 1994 im Alter von 92 Jahren in seinem Haus in Aufkirchen am Starnberger See. Eine offizielle Todesursache wurde nicht veröffentlicht; er starb altersbedingt. Die Urne wurde Ende Oktober 1994 auf dem Dorffriedhof in Aufkirchen beigesetzt.
Wie verhielt sich Heinz Rühmann in der NS-Zeit?
Rühmann arrangierte sich mit dem NS-Regime: Er drehte zwischen 1933 und 1945 rund 37 Filme, wurde 1940 zum Staatsschauspieler ernannt und ließ sich 1938 unter politischem Druck von seiner jüdischen Ehefrau Maria Bernheim scheiden, die er nach ihrer Emigration weiterhin finanziell unterstützte. Die Geschichtsschreibung beschreibt ihn überwiegend als unpolitischen Karrieristen, nicht als Aktivisten — eine Entlastung ist das nicht. Details im Kapitel „Rühmann im Nationalsozialismus“ auf dieser Seite.
Wo laufen die Pater-Brown-Filme mit Heinz Rühmann heute?
„Das schwarze Schaf“ und „Er kann’s nicht lassen“ werden regelmäßig im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wiederholt, traditionell an Feiertagen, und sind auf DVD sowie bei verschiedenen Streaming-Anbietern verfügbar.


